Denksalon 2011 Revitalisierender Städtebau -
Die ungleiche Stadt
 

Der siebte Denksalon - Die ungleiche Stadt fand am 17./18. Juni 2011 in der Europastadt Görlitz / Zgorzelec statt.

 
Programm und Anmeldung

Der Flyer gibt einen Überblick über Referenten, Tagungsprogramm und Tagungskonzept.

 
Thema | Die ungleiche Stadt

Unterschiedlichkeit - im Sinne von Ungleichartigkeit, Ungleichwertigkeit und Ungleichzeitigkeit - könnte die ideale Stadt beschreiben. Sie ermöglicht eine offene Gemeinschaft, die verschiedene Lebensweisen in einer stadtarchitektonisch differenzierten Dichte zulässt. Gleichzeitig ist mit dem Begriff des Städtischen aber auch Ungleichheit verbunden - und zwar im Sinne von Ungerechtigkeit, Interessenkonflikten und Machtgefällen. Dies ist eher die Schattenseite der ungleichen Stadt. Ungleichheit und Unterschiedlichkeit hängen unmittelbar zusammen und bedingen sich gegenseitig.

Als urban ließe sich eine Stadtgesellschaft beschreiben, in der Andersartigkeit und Vielfalt in frei zugänglichen Räumen gelebt werden. Die dabei zwangsläufig entstehenden Konflikte werden in einer ständigen und offenen Kommunikation ausgehandelt. Dem Urbanitätsbegriff entgegenstehend ist folglich das, was nur Belebung und Erlebnis des Anderen in privatisierten, abgeschlossenen Räumen ohne reale Öffentlichkeit produziert. Andersartigkeit lässt sich nicht planen, Vielfalt schon.

In Städtebau und Stadtgestaltung sollte es das Ziel sein, den Raum für die unterschiedlichen Lebensstile der Stadtgesellschaft immer wieder neu zu erfinden. Um diesem Ziel nahe zu kommen, gilt es, die ungleiche Stadt mit all den ungleichartigen Kompetenzen und Identitäten, ungleichwertigen Maßstäben und Währungen sowie ihren ungleichzeitigen Prozessen und Perspektiven ernst zu nehmen. Das Selbstverständnis der Profession ist immer wieder zu hinterfragen. Für eine zukunftsfähige Stadtbaukultur und Stadtentwicklung kann nicht nur ein Entweder-oder sondern vielmehr ein Sowohl-als-auch gelten. Stadt als Prozess des ständigen Lernens und Anpassens setzt das Aushandeln von Interessen, Meinungen und Bewertungen der am Veränderungsprozess Beteiligten voraus.

Der Denksalon 2011 will dazu beitragen, diesen Lernprozess der an Stadtbau und Stadtentwicklung Beteiligten zu intensivieren. Die gegenseitige Sensibilisierung für Werte- und Wirkungszusammenhänge soll in offenem und konstruktivem Diskurs ermöglicht werden.

 



Fotos: Robert Bienas

 
Themenforen

In den drei Foren: Ungleichartig, Ungleichwertig und Ungleichzeitig diskutierten Fachexperten und Nachwuchswissenschaftler aus Theorie und Praxis disziplinübergreifend über die Zukunft der europäischen Stadt und formulierten konkrete Ideen zur Planung und Gestaltung derselben.

FORUM 1 | Ungleichartig
Eine offene Sichtweise auf die Stadtgesellschaft verändert laufend den Umgang und den Anspruch an die Stadt als urbanen Lebensraum. Die Ungleichartigkeit der Gestaltung der Stadt, der Interessen und Kompetenzen bedarf der Toleranz und des Wissens, dass wir uns stets nur der Wahrheit annähern können, sie aber nie besitzen werden. Die europäische Stadt wird verstanden als lernfähiger und sich permanent wandelnder Ort, der vielfältige Lebensstile ermöglicht. Das Forum soll Antworten auf Schnittstellen und Spannweiten aufzeigen zwischen Ungleichartigkeit und Gleichklang, zwischen Stadtbauinstrumenten, urbanem Regieren und Nutzungsdifferenzen in der europäischen Stadt.

„Ungleichartigkeit und Gleichklang in der Gestaltung der europäischen Stadt“
Prof. Dr. Werner Oechslin, Institut für Theorie und Geschichte der Architektur, ETH Zürich

„Ziele und Instrumente des Stadtumbaus“
Prof. Dr. Uwe Altrock, Professur für Stadtumbau und Stadterneuerung, Universität Kassel

„Urbanes Regieren“
Christa Kamleithner, Fakultät Gestaltung / Architektur, UdK Berlin

„Ungleichartige Nutzungen als Baustein der europäischen Stadt“
Prof. Dr. Marion Klemme, Institut für Geographie, Universität Münster

 

FORUM 2 | Ungleichwertig
Der gesellschaftliche Wandel und die demografische Entwicklung stellen heute mancherorts die überlieferten Werte von Stadtteilen und Gebäuden in einen neuen Zusammenhang. Demnach ist der Diskurs um ebendiese Werte, im Sinne von Wertschätzung, Dauerhaftigkeit, Kurzlebigkeit, Werterhaltung und Wertschöpfung in der Stadtentwicklung mehr denn je geboten. Neben der Berücksichtigung quantitativer und funktionaler Aspekte gilt es, auch die nicht messbaren Werte unter Maßgabe einer langfristigen Betrachtung einzubeziehen. Nicht-ökonomische oder „unrentable“ Aktivitäten, insbesondere gesellschaftliche Anliegen, Kultur und Philosophie, finden oft in nicht ökonomisch zu bewertenden Räumen ihren Platz. Ungleich bedeutender sind sie für die Attraktivität und das Erleben von Stadt. Eine Wertschätzung von noch nicht klar formulierten Ideen oder eher noch vagen Vorstellungen von Bürgern zur Stadtentwicklung kann längerfristig eine große Nachhaltigkeit entfalten.

„Ungleiche Schichten der europäischen Stadt“
Prof. Hans Kollhoff, Professur für Architektur und Konstruktion, ETH Zürich

„Die Wertschätzung der Stadt“
Dr. Marie Glaser, ETH Wohnforum – ETH Case, ETH Zürich

„Bürgerhaushalt: Bürger als Koproduzenten und Teilhaber“
Reiner Michaelis, Stadt Groß-Umstadt

„Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile“
Hagen Aye, Toscano GmbH, Görlitz / Eigentümerstandortgemeinschaft „Görlitzer Gründerzeitquartier e. V.“

 

 

FORUM 3 | Ungleichzeitig
Die europäische Stadt war im Lauf ihrer Geschichte immer wieder tief greifenden Veränderungen ausgesetzt. Dies führt bis heute zur Präsenz „ungleichzeitiger“ Stadtstrukturen aus unterschiedlichen Entwicklungsphasen einer Stadt. Gleichzeitig ist die europäische Stadt das Produkt ihrer Bürgerschaft, die Veränderungen der gebauten Umwelt auf der Grundlage gesellschaftspolitischer und sozialer Rahmenbedingungen vollzieht. In der daraus resultierenden Ungleichzeitigkeit liegt ein großes Zukunftspotenzial für die europäischen Städte. Stadtentwicklung und Stadtumbau sollten weiterhin im demokratischen Willensbildungsprozess emanzipierter Stadtbürger verankert sein. So könnte die historisch begründete Ungleichzeitigkeit der Veränderung als besonderes Merkmal der europäischen Stadt gewahrt und die Verwurzelung der Bürger mit ihrer Stadt gestärkt werden – trotz rascher globaler Veränderungen, unmittelbarer und verzögerter Folgen der demografischen Entwicklung, der gesellschaftlichen Transformation und des Klimawandels. Aus vielfältigen Überlagerungen kann eine Ungleichzeitigkeit kultiviert werden, die über eine Gesamtwirkung ihrer Teile eine neue urbane Qualität befördert. Die zukünftige Gestaltung der europäischen Stadt muss sich an der Qualität ihrer Ungleichzeitigkeit messen.

„Geschwindigkeit und Normalität: 1 m²/sek Null-Acht-Fünfzehn“
Prof. Dr. Marc Angélil, Professur für Architektur und Entwurf, ETH Zürich

„Städte: Verursacherinnen oder Retterinnen von Ressourcenverknappung und Klimawandel?“
Prof. Dr. Daniel B. Müller, Department of Hydraulic and Environmental Engineering, NTNU Trondheim

“Von der autogerechten Stadt zu stadtverträglicher Mobilität“
Prof. Dr. Hartmut Topp, Institut für Mobilität & Verkehr, TU Kaiserslautern

„Urbanität und ungleiche Stadt – eine Chance?“
Prof. Dr. Hartmut Häußermann, Institut für Sozialwissenschaften, HU Berlin


Plenum. Moderation: Anneke Holz, Bundesstiftung Baukultur, Potsdam


Das Symposium wurde durch eine Sonderführung durch die 3. Sächsische Landesausstellung via regia - 800 Jahre Bewegung und Begegnung im Kaisertrutz Görlitz ergänzt.

 

 
Ansprechpartner

Dipl.-Ing. (FH) MSc. Christian Schneider
christian.schneider (at) tu-dresden.de
fon +49 3581 64993-10 fax +49 3581 64993-29

 

Der Denksalon 2011 wurde durch Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung untersützt.